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Oeconomizee

Juni 2005 von Oliver Henniges

Prolog

Die nachfolgenden Anmerkungen sind gewissermaßen die Quintessenz aus einem nunmehr seit fünfzehn Jahren währenden privaten literarisch-erbaulichen Zirkel. Auf dem Höhepunkt der Nationalitätsbesoffenheit des Wiedervereinigungstaumels blieb Intellektuellen gar nichts anderes übrig, als sich in solche privaten Nischen zurückzuziehen.

Inzwischen ist viel passiert. Wie zu erwarten hat sich der damals vereinbarte Umtauschkurs von 0:1 zu einem gigantischen finanzpolitischen Desaster entwickelt, an dem auch sieben Jahre rot-grün nicht mehr viel retten konnten. Das transatlantische Bündnis hat seine Front siegestrunken bis an den Ural vorgeschoben, eine Strategie, mit der auch Hitler und Napoleon schon gescheitert waren. Der wirtschaftspolitische Konsens der vergangenen Jahre, durch Steuergeschenke an global operierenden Konzerne ließe sich die Arbeitslosigkeit zurückfahren, ist hinreichend empirisch widerlegt. Die Zeit ist also reif für Betrachtungen die damals als unzeitgemäß galten.

Die Frage nach der Technik

Innerhalb der Arbeitswelt steht heute jedes menschliche Individuum mehr oder weniger stark in Konkurrenz zu Maschinen.

Bereits in den dreißiger Jahren, nahezu zeitgleich mit den bahnbrechenden mathematischen Arbeiten von Gödel und Turing, hat Martin Heidegger diese "Frage nach der Technik" in ähnlicher Form ge-stellt. Betrachten wir unseren modernen Maschinenpark einmal so, als ob sich in ihm das manifestiere, was Nietzsche als Übermensch bezeichnet hat. Dieser Übermensch ist nicht als Herrenrasse aus dem Menschen heraus gezüchtet; vielmehr besteht er derzeit vorwiegend aus Stahl und Silizium, verborgen und geschützt hinter Beton und Panzerglas.

Unser größtes Problem ist, daß sich dieser Übermensch nicht als "Android" (gr. "Ander" = der Mann/Mensch) zu erkennen gibt. Er muß gar nicht zwei Arme und Beine und ein Elektronisches Gehirn haben, um gegen den Menschen zum großen Showdown anzutreten. Kung Fu nutzt da rein gar nichts.

Da wird irgendwo in Stettin, Bukarest oder Timbuktu eine grün-lackierte Kiste aufgebaut, oft genug von der Größe eines Fußballfeldes. Für den Betrieb dieser Kiste braucht es meist nur weniger dutzend ArbeiterInnen, von denen der Großteil mit recht stumpfsinnigen Tatigkeiten im Rahmen der Versorgung mit Rohmaterialien und der Verpackung und dem Abtransport der fertigen Güter befasst ist, weil an dieser Stelle ("Lokalisierung ungeordneter Werkstücke") zur Zeit noch Analphabeten gegenüber Robotern die preiswertere Lösung sind.

Am Ende produziert diese Maschine mit nie vorher gekannter Effizienz irgendwelche Güter zu unglaublich günstigen Konditionen und in unglaublichen Mengen. Die Folge ist, daß ein gutes Dutzend mittelständischer Betriebe in - sagen wir - Eisenach, Rastatt, Castrop-Rauxel oder Pinneberg Pleite gehen, und hunderte von Arbeitern hier in Deutschland die Welt nicht mehr verstehen, weil sie plötzlich überflüssig geworden sind.

Man muß dieses Phänomen erst eine Zeitlang auf sich wirken lassen, um es in seiner ganzen Tragweite zu verstehen.

- Wie viele Schreibkräfte sind in den vergangenen drei Jahrzehnten durch die Desktop-PCs stillschweigend wegrationalisiert worden?

- Wie viele Reisebüros sterben derzeit durch die Buchungsmöglichkeiten im Internet, wieviele Bankangestellte bangen um ihren Job im Zeitalter des online-banking?

- Wie viele Kassiererinnen werden in den nächsten Jahren entlassen, wenn die RFID-chips auf den Verpackungen Einzug halten?

- Wie viel zusätzliche Elektronik muß die on-board-unit unseres Maut-Systems enthalten, um im Fernverkehr die menschlichen Fahrer zu ersetzen?

- die durchschnittliche Montagezeit für einen VW Golf beträgt mittlerweile weniger als 10 Arbeitsstunden. Jedes Fahrzeug, das für eine fünfstellige Summe verkauft wird, sichert also einen Arbeitsplatz für einen Tag. Was in Entwicklung, Verwaltung und bei den Zulieferern dazukommt, macht den Kohl auch nicht mehr fett.

Und all dies sind lediglich Beispiele, in denen die eins-zu-eins-Umsetzung überhaupt irgendwie sichtbar wird. Viel schwerer zu begreifen sind noch die synergetischen Effekte, die sich durch das Zusammenwirken technischer Einheiten auf den verschiedenen unüberschaubar vernetzten Ebenen ergeben. Auch die grüne Kiste in Timbuktu ist als solche ja noch klar lokalisierbar.

Das ganze Ding ist aber dabei, als ein einziger großer Leviathan über das Internet und andere Medien miteinander zu verschmelzen. Jedes GPS-fähige Firmenfahrzeug, das irgendwo in Shanghai gekauft und eingesetzt wird, jeder Kondensator, der in einer Steuer- und Regelelektronik irgendwo in Kapstadt eingelötet wird, jede elektromagnetische Welle, die irgendwelche Firmen-Daten via Satellit von Los Angeles nach Madrid überträgt, kann dazu beitragen, den einen oder anderen Menschen aus der Arbeitswelt zu verdrängen.

Zur Zeit sind auf all den Ebenen dieses weltumspannenden technischen Molochs natürlich auch noch Menschen eingebunden, sogar als treibende Kraft. Je höher deren Bildung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, daß sie durch eine Maschine ersetzt werden. Desto größer ebenso die Wahrscheinlichkeit, daß sie mit ihrer eigenen Tätigkeit selber dazu beitragen, daß andere Menschen durch eine Maschine ersetzt werden.

Welt ohne Arbeit

Uns allen ist im Grunde klar, daß dieser Prozess der Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Technik mit wachsender Geschwindigkeit immer weiter geht. Rätselhaft ist eigentlich nur, warum das nicht politisch thematisiert wird, warum dieses Ziel einer "Welt ohne Arbeit," auf das wir alle so kraftvoll hinarbeiten, nicht wirklich erkannt und akzeptiert wird.

Auf der einen Seite hängt unser gesamtes Steuersystem am Arbeitsplatzbegriff. Auf der anderen Seite versuchen wir alle gerade innerhalb der Arbeitswelt so viele Arbeitsplätze wie möglich wegzurationalisieren. Tag für Tag. Und wenn diese Arbeitsplätze dann endlich weg sind, regen wir uns darüber auf, daß unsere Sozialsysteme aus den Fugen geraten. Daß dieser Grundwiderspruch nicht diskutiert und aufgelöst wird, ist die Ursache dafür, daß alles politische Handeln der letzten Jahrzehnte so irrational daherkommt.

Der kleine Mann will ja gar nicht wirklich arbeiten. Alle träumen vom großen Lotto-Gewinn. Was liegt da näher, als den technischen Fortschritt einfach zu beschleunigen und das allgemeine Nichtstun zum großen fernen Staatsziel zu erklären? Schließlich sollen es unsere Kinder einmal besser haben als wir.

Stattdessen wird als Lösung allgemein propagiert, durch die Senkung der Staatsausgaben, Steuern und Lohnnebenkosten bessere Bedingungen für die freie Wirtschaft zu schaffen, damit sich auf geheimnisvolle Art Unternehmen mit ihren tollen Arbeitsplätzen wie Schmetterlinge in einem Biotop in unseren absurd subventionierten Gewerbegebieten "ansiedeln."

Da unsere Unternehmen schon lange nicht mehr wissen, was sie denn sinnvollerweise für unsere übersättigten Märkte überhaupt produzieren sollen, wurde das Wort "Innovation" erfunden. Was die Situation für die schlecht gebildeten Arbeitsplatzsucher nur verschärft.

Der politische Irrsinn der vergangenen Jahrzehnte besteht vor allem darin, daß die betriebswirtschaftliche Logik der Unternehmen auf die Volkswirtschaft als Ganzes übertragen wurde. Jedes Jahr fällt in den Betrieben der freien Wirtschaft allein in Deutschland eine sechsstellige Zahl von Arbeitsplätzen dem technischen Forschritt zum Opfer. Das ist systemimmanent logisch, und das ist gut so.

Weil dadurch die Steuereinnahmen sinken, macht der Staat das Gleiche: Er versucht, Kosten zu sparen und Personal zu entlassen oder Beamte, die in Pension gehen, nicht durch jüngere zu ersetzen. Mit dem Erfolg, daß zusätzlich zu den hunderttausend Überflüssigen aus der freien Wirtschaft noch einmal fast dieselbe Zahl ehemaliger Staatsbediensteter als Arbeitslose oder als Jugendliche ohne jede Chance an der Hintertür anklopfen. Ja wo kommen die denn alle plötzlich her?

Was durch diesen Rationalisierungsdruck jährlich an Arbeitsplätzen wegfällt, kann auch durch noch so viel Innovation und Dienstleistung nicht aufgefangen werden. Wer das Gegenteil behauptet, stellt damit nur unter Beweis, daß er von den arbeitsplatzvernichtenden Synergieeffekten aus Nanoelektronik, Materialforschung, Steuer- und Regeltechnik, Turing-Maschinen und Gentechnik keine Ahnung hat. So viele elektronische Gadgets können wir gar nicht erfinden, so viele Friseure, Marketingexperten und Telefondesinfizierer sind im dritten Sektor gar nicht unterzubringen.

Niemand will arbeiten, aber alle suchen einen Arbeitsplatz. Dieser ebenso banale wie unaufgeklärte Widerspruch ist der Schlüssel. Wo kommt das her, daß wir alle eigentlich stinkfaul sind und trotzdem wie die Besessenen versuchen, immer effizienter zu arbeiten?

Die protestantische Prädestinationslehre

Wie Max Weber gezeigt hat, kann das Wesen des kapitalistischen Wirtschaftssystems nicht wirklich verstanden werden, ohne die protestantischen Urgründe, aus dem es erwuchs, mit einzubeziehen. Hierbei spielt die Prädestinationslehre eine tragende Rolle.

Die katholische Kirche hat ihre Machtansprüche primär mittels Drohungen unerträglicher Qualen im Jenseits durchzusetzen versucht, bzw. mit der Vision ewiger Glückseligkeit für ihre Mitglieder. Protestenten verlagern das geschickt ins Diesseits:

Sieh zu, daß Du Gottes Gebote achtest, bleib bescheiden und fleissig, bete und arbeite ad majorem gloriam dei und Du wirst die Früchte Deines Tuns bereits im Diesseits in Form von wirtschaftlichem Wohlstand erfahren. Denn so ist es vorherbestimmt.

Gibt es wirklich eine pragmatischere Weltanschauung als diese? Wirtschaftliche Prosperität um ihrer selbst willen, denn während Wohlstand anfangs nur Indiz für Gottes Wohlwollen war, ist dieses eigentliche, religiöse Motiv mit der Aufklärung immer weiter in den Hintergrund getreten und heute aus dem Bewußtsein der Menschen fast völlig verschwunden. Es ist, als ob die Besatzung der Mayflower gelernt hat, wie sie ihr Schiff mit technischen Mitteln immer schneller machen kann, darüber aber vergessen hat, wo sie eigentlich hin wollte.

Niemand muß mehr im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen, niemand mehr unter Schmerzen seine Kinder gebären; die Gentechnik steht kurz davor, uns das ewige Leben zu verleihen und die Auferstehung der Toten technisch zu realisieren; das Paradies auf Erden ist in greifbarer Nähe, aber Christus zeigt sich nicht. Warum nicht?

Weil er schon längst da ist? Was die Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs angeht, von den Lebensmitteln über die Zentralheizung bis zur vielfältigsten Zerstreuung, vor allem aber in Bezug auf medizinische Betreuung und sanitäre Installationen, so geht es jedem Hartz IV Empfänger heute besser als Ludwig XIV. Bestenfalls die verfügbare Wohnfläche hinkt noch ein wenig hinterher.

Warum fällt es uns so schwer, diesen Wohlstand zu genießen?

Industria heißt Fleiß. Die Industriegesellschaft definiert sich über den Fleiß und Schweiß ihrer bis zur physischen Vernichtung sich aufopfernden Werft- und Bergarbeiter. Innerhalb der protestantischen Arbeitsethik, die uns alle unterschwellig immer noch umtreibt, sind Zerstreuung, Nichtstun und Langeweile per se von Übel. Die Kraft dieser für unsere westliche Welt identitätsstiftenden Ethik ist so stark, daß sich selbst der brillianteste intellektuelle Denker einfach nur Scheiße fühlt, wenn er aufgrund irgendwelcher biografischer Brüche auf dem Arbeitsamt landet.

Damit nähern wir uns des Pudels Kern. Der vergessene religiöse Urgrund unserer scheinaufgeklärten westlichen Gesellschaft gebietet uns, immer schneller und effizienter zu arbeiten. Die Technik, die wir zu diesem Behufe so massiv vorangetrieben haben, reißt uns derzeit unser ethisches Fundament unter den Füßen weg.

Ob dies mit den Mitteln demokratischen und kulturellen Diskurses tatsächlich aufgearbeitet werden kann, ist nicht sicher. Die Muße und die Resourcen dazu hätten wir allemal, doch es sieht nicht danach aus.

Die Verblödung der Massen.

"Religion ist Opium für das Volk," lautet ein geflügeltes Bonmot von Marx. Fast alle Religionen dieser Welt haben einen sehr pragmatischen Aspekt gemeinsam: Sie geben dem Gläubigen Techniken an die Hand, wie er mit Leidenserfahrungen und Mangelsituationen fertig werden kann. Hierin sind der Fakir auf dem Nagelbrett und Christus am Kreuz identisch. Wer sich aber zu bereitwillig mit dem Mangel abfindet, kann kein revolutionäres Bewußtsein aufbauen. Dies aber wäre die Voraussetzung dafür, daß die Mangelsituation der Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts mit politischen Mitteln verändert wird. Das hat Marx ganz richtig erkannt, und wo er recht hat, hat er recht..

Heute, in Zeiten allumfassender Grundversorgung innerhalb der Industrienationen, gilt das nicht mehr. Wo die Maschinen die Arbeit erledigen, ist es einfach nur noch albern, zum Generalstreik aufzurufen.

Das eigentliche Problem der Arbeiterklasse, der Arbeitslosen und des Lumpenproletariats in der heutigen Zeit ist nicht mehr die Schieflage in der Verteilung der Güter, sondern ihr eklatanter und immer weiter fortschreitender Mangel an Bildung. Dies betrifft sowohl die Chancen der Menschen auf dem aktuellen Arbeitsmarkt, als auch ihr Unvermögen zu erkennen, daß sie ja eigentlich gar nicht arbeiten wollen, als auch - und das scheint mir das Wichtigste zu sein - ihre Unfähigkeit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was denn nach der pragmatistischen Ersatzreligion und ihrer unreflektierten Arbeitsethik als gesellschaftstragender Konsens kommen könnte.

In seinen "Regeln für den Menschenpark" hat Peter Sloterdijk den Begriff der Speciesdifferenz ins Feld geführt, um das Bildungsgefälle innerhalb der menschlichen Gesellschaften auf den Punkt zu bringen. Und dabei ging es im Mittelalter "nur" um die Fähigkeit lesen zu können. Wer jemals versucht hat, einen DSL-Zugang zum Internet mit Router und Splitter selber zu konfigurieren, der weiß, daß die Situation sich diesbezüglich erheblich verschärft hat. Die Spanne vom völlig chancenlosen Kind in der Sahelzone bis zum Entwickler einer SAP-basierten SPSS-Schnittstelle umfasst möglicherweise weit mehr.

Auch mitten in Deutschland gehen diese Schnitte quer durch die Gesellschaft. Jeder Berufsschullehrer kann bestätigen, daß die Quote derer, die nach Abschluß der Schulpflicht nicht richtig lesen kann und kaum die vier Grundrechenarten beherrscht, von Jahr zu Jahr größer wird.

Bei der Prozentrechnung, die am Gymnasium in der sechsten Klasse behandelt wird, macht vermutlich bereits ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung unseres Landes schlapp, weswegen sich niemand über die hohe Zahl verschuldeter Haushalte wundern muß. Das hat nur bedingt mit der wirtschaftlichen Lage zu tun: Die Leute können schlicht keine Zinsrechnung.

Die Kenntnis fremder Sprachen - condition sine qua non in unserem globalen Dorf - reduziert sich für nahezu die Hälfte der Bevölkerung wenn überhaupt auf die beliebtesten Brocken Pidgin-Englisch moderner Negermusik. Wer nicht außer seiner Muttersprache zwei natürliche Sprachen und zwei Computersprachen zumindest in ihren Grundzügen beherrscht, darf sich nicht wundern, daß er sich so ohnmächtig fühlt.

Für den "Turing-Test" reicht ein einfacher Taschenrechner. Solange wir den Menschen nur pragmatisch-aufgabenspezifisch aus der Perspektive seiner Nützlichkeit für den Produktionsprozess betrachten - und diese Perspektive ist in den vergangenen Jahren zur einzig noch öffentlich diskutierten geworden - solange wird er gegenüber der Maschine in wachsendem Maße der Verlierer sein.

Jeder einzelne ist aufgefordert, seine eigene Ein- und Aufstellung gegenüber der Technik kritisch zu reflektieren. Bin ich Sklave und Opfer der technischen Entwicklung, oder habe ich noch einen Funken Glauben an meine persönlichen Fähigkeiten?

Das ist nicht anders, als in unseren Motivations-Seminaren: Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? An dieser inneren Einstellung zu den Dingen differenziert sich unsere Species in diejenigen, die auf dem Leviathan reiten, und die, die von ihm verschlungen werden. Große und kleine Menschen nennt dies Zarathustra.

Lösungen

Schopenhauer hätte wahrscheinlich Quietivations-Seminare eingefordert. Bissl Einkehr, bissl Ruhe, Erdung, Heimat statt Mobilität, Motivation und Mobiltelefonie, dann kommt jeder leicht von selber drauf.

Was bis hierher nicht berücksichtig wurde, ist der Unterschied zwischen den produktiven und den reproduktiven Tätigkeiten. Der Kapitalismus als Wirtschaftsordnung ist massiv dabei, die produktiven Tätigkeiten komplett durch Maschinen erledigen zu lassen. Darin löst er sich notwendig selbst auf. Was übrig bleibt, sind die reproduktiven Tätigkeiten:

- gut essen (nicht zu fett!), viel schlafen, mehr ficken (Geburtenrate!)
- Bissl Kunst als Schwester der Technik
- man braucht ein ganzes Dorf, um die Neugier eines einzigen Kindes zu befriedigen.
- alte Menschen haben auch so ihre Sehnsüchte.

Solcherart neu aufgestellt mag man dann frei nach John F. Kennedy ausrufen:

Frag nicht: "Wer soll das bezahlen?"
Frag lieber: "Wie wollen wir das organisieren?"

Epilog: 2011 Revisited

Meine Name ist nunmal nicht Konrad Adenauer und mein Geschwätz von gestern schert mich insofern sehr wohl. Sechs Jahre nach Verfassung obigen essays bin ich doch außergewöhnlich überrascht, wie wenig ich korrigieren möchte.

Am grundlegenden Gedankenfluss gibt es nichts zu ändern. Die durch die Lehmann-Pleite ausgelöste Krise und die aktuelle Diskussion um die Euro-Stabilität sind als weitere Vorboten der Selbstauflösung des Kapitalismus aussagekräftig genug.

Ein wenig überrascht hat mich, wie schnell das Problem der Massenarbeitslosigkeit aufgrund der demografischen Entwicklung aus dem Fokus gerückt ist. In Deutschland gibt es jetzt nach den offiziellen Statistiken etwa zwei Millionen Arbeitslose weniger als 2005. Die Politik möchte das gerne als wirtschaftlichen Erfolg verbuchen, und vermeidet es deshalb geflissentlich, dem die Zahl der Rentner gegenüberzustellen, die um fast dieselbe Anzahl von Menschen gestiegen sein dürfte. Diese Rentner werden formal aus anderen Töpfen entlohnt, am Kernthema Staatsquote ändert das aber nichts.

Was sich sonst geändert hat, ist mein ganz persönlicher Umgang mit dem Thema: Da ich meine Zeit und meine Aufmerksamkeit den unidirektionalen Massenmedien so gut wie gar nicht mehr widme, sinkt naturgemäß auch der Panik-Level, der dort permanent angestachelt wird.

Ganz wie beschrieben, ist der Schwerpunkt meiner Gedanken immer weniger jener, wie ich meine Rechnungen bezahlen soll, stattdessen immer mehr dieser, wie ich mein Leben organisieren möchte.

Offensichtlich geht das nicht nur mir so: Seit der Einführung der Privatinsolvenz ist die Zahl derer, die sich dem "pacta sunt servanda" nicht mehr verpflichtet fühlen, sprunghaft angestiegen, und die gerichtlich titulierten Forderungen, die meine Inkasso-Agentur für mich verwaltet, übersteigen inzwischen fast meine eigenen Verpflichtungen bei meinen Geschäftsbanken. Worauf das langfristig hinausläuft, ist sonnenklar, und unterstreicht sehr deutlich die Absurdität der aktuellen Welt des Geldes.

Auf der Suche nach jenen existentiellen Energien, die alter, stärker, mächtiger strömen als das Geld, war mir im vergangenen Winter die Lektüre einiger Werke Ernst Jüngers ein wahrer Genuss. Gar nicht mal so sehr im Detail dessen, was Jünger beschreibt, sondern vielmehr als Impetus zur Auflockerung und weiteren Weitung meiner Assoziationsmuster.

Ähnlich wie der Frontoffizier, der dem Sensenmann von der Schippe springt, haben auch wir heutigen in unseren Kapitalgewittern jeder für sich die Chance, dem Leben an sich ein gutes Stück näher zu kommen. Die Erfahrungen mögen physisch nicht ganz so intensiv und direkt sein, wie zwischen umherfliegenden Schrappnells, aber sie laufen auf dasselbe hinaus: Was wirklich zählt, ist das Wunder des Lebens und der Schrecken des Sterbens.

In dieser ewigen Reproduktion des Lebens steht die Fortpflanzung im Mittelpunkt: Die Familie als tragendes Netz bei schicksalhaften Meteoriteneinschlägen, Ehre und Achtung den Eltern und Vorfahren gegenüber (auch wenn es manchmal schwerfällt, lol), Freude über die Gesundheit der eigenen Kinder, und nicht zuletzt:

Let's talk about Sex, Baby.